Gewächshaus für Jungfolkies

Folkmusiktreffen Lißberg 2003


Engagierte Christen lieben Dudelsackmusik. Dies ist das Ergebnis von Feldforschungen, die ich am Donnerstag, dem 29. Mai 2003, Herrentag und Himmelfahrt, auf dem Gelände des Ökumenischen Kirchentages in Berlin durchführte. Unterstützt wurden meine Untersuchungen von Ralf Gehler, Sackpfeifer und Musikenthnologe, der den Kontakt zu der zu erforschenden Bevölkerungsgruppe aufnahm und selbige mit seinem Spiel so entzückte, daß ich von seinen mitgebrachten Verkaufs-CDs nur noch zwei mit nach Lißberg nehmen konnte. Der Auftritt auf dem Kirchentag war auch der Grund, warum ich das Konzert von Poeta Magica in Lißberg verpasste. Ich war zum ersten Mal dort, ebenso wie ich letztes Jahr erstmalig in Strakonice war und, wenn alles gut geht, dieses Jahr erstmalig nach Saint Chartier fahren werde. Auch von dem Drehleierfestival- und Dudelsackfestival in Lißberg hatte ich schon viel gehört und war dementsprechend gespannt. Es darf vorweggenommen werden, daß mir die Atmosphäre dort sehr gut gefallen hat.

Von den eigentlichen Veranstaltungen bekam ich aus zweierlei Gründen nicht viel mit. Einerseits hatte ich für spontan beschlossene Auftritte etliches vorzubereiten, und außerdem waren jede Menge interessante Menschen dort, mit denen man trefflich schwatzen und musizieren konnte. Mir gefiel das Konzept des Abendprogrammes, das erst im Laufe des Tages zusammengestellt wird. Alles in allem ist das Ganze ja wohl auch eher ein Treffen als ein stramm durchorganisiertes Festival. Den Gästen wird eine interessante Infrastruktur geboten, um sich musikalisch zu betätigen, zu tanzen, ihre Waren zu verkaufen, Instrumente zu erwerben, sich zu duschen oder billig und gut zu essen. Der zauberhafte Festivalort tut gerade bei so gutem Wetter, wie wir es an dem Himmelfahrtswochenende genießen konnten, ein übriges zur Stimmung. An den Abendkonzerten beteiligten sich unter anderem Hans Hegner mit seinem Minnesangprogramm, diesmal vor allem mit Werken von Neidhart von Reuental und Wizlaw von Rügen, Maritaca (ein Projekt von einer brasilianischen Musikerin und Silke Reichmann), Knud Seckel mit der Vorstellung seiner neuen CD "Minnesangs Frühling", A la via mit Mittelaltermarktmusik, Mönos und viele andere. Schreibfehler und Auslassungen möge man mir an dieser Stelle vergeben, Grund siehe Anfang dieses Absatzes.

Jetzt aber zunächst zur Sackpfeife und ihren Erscheinungsformen in Lißberg an diesem Wochenende. Zwei der Kurse waren Dudelsäcken gewidmet, nämlich der Rohrblattbaukurs (Doppel-!)von Paul Beekhuizen und ein Hümmelchenkurs. Wer letzteren gab, weiß ich nicht, Grund siehe Anfang des letzten Absatzes. Es gab auch Sackpfeifen im Alte-Musik-Kurs von A la via. Dieser fand - wie auch anders - unter der großen Linde am Fuße der Burgmauer statt. Da wir oben direkt am Fuße des Turmes zelteten, konnten wir über Stunden hinweg dem Moriskentanz lauschen. Zuletzt pfiffen die Amseln mit. Wir hatten einen unverwüstlichen Ohrwurm und fühlten uns ein wenig wie in einem DEFA-Märchenfilm.

Paul Beekhuizen baut neben Musettes du cour sehr sanfte einbordunige Schäferpfeifen mit Doppelrohrblatt und Blockflötengriffweise, die chromatisch und überblasbar sind, sehr leicht angehen und gut stimmen. Warum das noch niemand anderes macht, weiß ich nicht. Ich glaube auf jeden Fall, jetzt ein Instrument gefunden zu haben, was mich um die halbgeschlossene Griffweise herumkommen läßt. Das Design der Instrumente wird sicher nicht jedermanns Geschmack treffen. Ich bin da jedoch pragmatisch, Funktion geht vor Form. Zierringe und Einlagen erfordern außerdem vorsichtigen Umgang mit dem Instrument und Pflege, ohnehin nicht meine Stärke.

Dann gab es den Großen Unbekannten. Einige behaupteten, er sei Franzose, andere meinen, er hätte mit Göran Hallmarken und Björn Björn Schwedisch gesprochen, andere wiederum meinen, er sei Däne gewesen. Zweifellos aber spielte er eine Cornemuse Bourbonnaise in G, und das seeeehr gut.

Als weiteres spielerisches Highlight muß ich jetzt Matthias Branschke nennen, auch wenn ihm das vielleicht nicht gefallen wird. Er unterstützte uns mit Schäferpfeife und säckpipa in unserem Abendprogramm mit regionalem Trad aus Norddeutschland, Franken und Österreich aus teils wenig ausgeschöpften Quellen. Unterstützt von einem jungen Drehleierspieler spielte er Tanzsession im gemischten Doppel mit dem Großen Unbekannten und Göran Hallmarken.

Jugendlichkeit war überhaupt einer der positivsten Eindrücke in Lißberg: Jede Menge "junge Menschen"; von solchen, die auf allen Vieren das bei einem Gewitter den Burghof herunterrinnende Wasser stauten, bis hin zu Borduninstrumentalisten unter und knapp über zwanzig wie Matthias und Thom. Diese hatten die Möglichkeit, in Sessions und auf der Bühne beim Zusammenspiel erfahrenen Musikern auf die Finger zu schauen und deren Groove aufzunehmen. Unten vor der Burgmauer fanden sich vor einem Zelt zirka fünf Mädchen um eine Schäferpfeife zusammen, um mit Gitarre und Trommel diesen bei einer Bourree zu begleiten, wahrscheinlich dem ersten Stück, das die Spielerin konnte. Ein Trüppchen stellte sich zum Rauchen und Balzen regelmäßig auf der Mauer hinter unseren Zelten ein, um dann anschließend im Burgsaal die Konzerte zu hören und zum Schluß tanzen zu gehen. Alles in allem traf ich hier in Bezug auf Bordunnachwuchs auf Verhältnisse, wie sie sonst aus Frankreich gepriesen werden.

Eine weitere Beobachtung scheint mir erwähnenswert. Der Gemeinplatz, daß sich skandinavische , speziell schwedische Musik hierzulande einer immer größeren Beliebtheit erfreut, wurde bestätigt. Auffällig waren zahlreiche Nyckelharpor, vor allem aus der Werkstatt Björn Björns. In der Sparte Dudelsack wurde die These durch zwei säckpipas bestätigt, beide gespielt von Nichtskandinaviern. Matthias Branschke nutzt dieses Instrument allerdings auch für alles Nichtschwedische, was `draufpasst. Als ein Kern der "Sessiongemeinschaft Gnadenlos", hier vertreten durch Harfe, Drehleier und Dudelsack, aber um mindestens weitere drei Personen erweiterbar, beteiligten sich säckpipa und Spieler an der Auswilderung von Stücken aus Handschriften deutschsprachiger Provinienz. Ob unsere Versuche gelungen sind, in ihren Heimatregionen ausgestorbenen Stücke wieder anzusiedeln, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Wahrscheinlich werden wir die Musik eher auf Sessions in Schweden wiedertreffen als in Mecklenburg oder Franken.

Ich schnappte kritische Anmerkungen über die ständig sinkenden Besucherzahlen und die Unterschreitung der kritischen Menge an Prominenz auf. Es fällt mir schwer, mir dazu eine Meinung zu bilden. Ich habe die Veränderungen nicht miterlebt, da ich erstmalig in Lißberg war. Das man zwischen den Zelten entlanggehen konnte, ohne diese einzureißen, und daß die Tanzfläche ohne blaue Flecke benutzbar war, empfand ich eher als positiv. Auch über mangelnde Prominenz konnte ich mich nicht unbedingt beklagen, es mag jedoch stimmen, daß das Fest in den vergangenen Jahren mit noch bekannteren Vertreter der Bordunszene glänzte. Fakt ist, daß ein weiteres Absinken des Promianteiles den vielen jungen Musikern die Möglichkeit nimmt, alten Hasen nachzueifern und auf die Finger zu schauen.

Mit den eigentlichen Organisatoren des Festes kam ich erst am letzten Abend kurz in Berührung.Die Stimmung in dieser Runde unterschied sich sehr von der des Festes an sich, was daran liegen mag, das letzteres gerade vorbei war. Ich wüßte gern, ob die Dinge, die mir an Lißberg so gefielen, von ihnen beabsichtigt sind und wie sie erreicht werden. Insgesamt hatte ich das Gefühl, in Ruhe und in einer ebenso bezaubernden wie praktischen Umgebung den Dingen nachgehen zu können, die mir auf einem solchen Fest wichtig sind: Musizieren, zuhören, lernen, tanzen, schwatzen.

Die CDs verkauften sich übrigens schlecht. Ralfs Kirchentagsrestexemplare wurde ich los, aber auch erst am letzten Tag. Dafür war der Umsatz an Notenheften einfach unglaublich - ein Zeichen dafür, daß Lißberggäste lieber selbst musizieren, als anderen dabei zuzuhören? Zum Schluß ein weiteres Untersuchungsergebnis meiner Feldforschungen: Auch Puppenspieler und Menschen, die ihnen gern bei der Arbeit zusehen, lieben Dudelsackmusik. Das konnte ich, ebenfalls gemeinsam mit Ralf Gehler, beim Puppentheaterfest in Hohnstein/Sächsische Schweiz vor vierzehn Tagen feststellen. Neben erstaunlichem Zuspruch des Publikums stellte sich heraus, daß viele der Akteure und Besucher selbst im Besitz einer Sackpfeife waren. Mit einer hohen Dunkelziffer ist zu rechnen. Von Hümmelchen bis A-Schwein war alles vertreten. Auch ein Instrument von Paul Beekhuizen war dabei.

(Das Zitat in der Überschrift stammt von Simon Wascher. Kritik und Kommentare bitte an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!)

Merit Zloch