Saint Chartier 2003

mit einem Nachwort von Merit Zloch


Das „Recontres Internationales des Luthiers et Maitres Sonneurs“ (Internationales Treffen der Instrumentenhersteller und Dudelsack/Drehleierspieler) in Saint-Chartier/Frankreich ist wohl mit angeblich 100000 bis 200000 Besuchern eines der grössten Dudelsack/Drehleiherfestivals neben Straconice.

Saint-Chartier ist ein keines Dorf mit einem Schloss aus dem 16.Jhdt. im Herzen von Frankreich und liegt ca. 230km südlich von Paris.
Der nächste größere Ort ist „La Chatre“, welcher sich im Zentrum des Dreiecks Bourges/Limoges/Clermont-Ferrand befindet, für Franzosen ist es also tiefste Provinz.

Die Autorin Amantine-Aurore Dupin, besser bekannt unter ihrem männlichen Pseudonym „George Sand“ hat 1852 mit der Novelle „Maitres sonneurs“ (frei :„Die Meister des Dudelsackpiels“) die lokalen Sitten, Gebräuche, Tänze und Musik der ländlichen Bevölkerung dieser Region, den früheren Provinzen Berry und Bourbonnaise, um 1850 beschrieben und den zentralfranzösischen Dudelsäcken quasi ein literarisches Denkmal gesetzt.

Eine zentrale Rolle in der Novelle nimmt das Schloss in Saint-Chartier ein, eine der Hauptpersonen wird in einer dramatischen Zeremonie, welche in den Katakomben unterhalb des Schlosses von Saint-Chartier abgehalten wird, in einem Geheimbund der „Meister des Dudelsackspiels“ aufgenommen (mehr soll nicht verraten werden, jeder der sich für zentralfranzösische Dudelsäcke interessiert, sollte dieses Buch unbedingt lesen). Aus diesem Grunde wurde Saint-Chartier als Ort für für ein Treffen von Musikern dieser Instrumente ausgesucht .

Ursprünglich hauptsächlich auf die zentralfranzösische Bordunmusik ausgelegt, hat sich dieses Festival schnell zu einem Treffen von Musikern aus ganz Europa entwickelt. Es findet immer um den 14.Juli, dem französischen Nationalfeiertag statt, dieses Jahr zum 28ten Mal, vom 11.07.2003 bis zum 14.07.2003.

 

Ich war bereits 6-7mal in Saint-Chartier, zuletzt im Jahr 2000 und war gespannt, ob sich etwas verändert hat oder nicht.

 

Wetter

In Saint-Chartier hat man immer „schlechtes Wetter“, entweder ist es zu kalt und nass, oder zu heiß und trocken. Dieses Jahr war es der zweite Fall, es herrschte eine so unerträgliche Hitze, dass ungelogen der Asphalt auf den Strassen schmolz. Die Hitze machte vielen, auch mir, zu schaffen.

 

Konzerte

Dieses Jahr gab es bei den Konzerten für mich nichts außergewöhnliches oder überraschendes.

 

Freitag

Wir sind erst am Samstagmorgen in Saint-Chartier angekommen, so dass ich die Konzerte am Eröffnungsabend nicht habe anhören können, aber ich konnte kurz in einen Livemitschnitt hineinhören.

Kathryn Tickell (Northumbrian Smallpipes), die mit ihrer Band das erste Abendkonzert gab, hat nur wenige Stücke auf den Pipes gespielt, meistens spielte sie auf der Geige, zusammen mit ihrem 17jährigen Bruder Peter Tyckell, der anscheinend viel Talent hat. Ansonsten wurde gespielt, was man von den CDs kennt.

 

Das Duo „Jolivet/Beson“ (Drehleier/Bourbonnaise) spielte klassischen Bal-Folk aus dem Bourbonaisse/Auvergne, aber in einem geradezu atemberaubenden Tempo, man kann ruhig sagen: Zu schnell.. Bekommen wir nun „irische Geschwindigkeiten “ im Bal-Folk ? (s.u. „McGoldrick & Band“)

 

Samstag

„Fomp“ (Schweden) soll sehr gut gewesen sein, tanzbarer Schwedenfolk a la „Väsen“, aber die habe ich verpasset, vermutlich ein Fehler. Zumindest waren alle, welche „Fomp“ gehört hatten, sehr begeistert.

 

Die neue Band des baskischen Akkordionisten „Kepa Junkera“, die als erste Gruppe am Abend spielte, fand ich nicht sehr gut, irgendwie wurden nur einzelne musikalischen Phrasen aneinander gehängt, jeweils wiederholt von anderer instrumentaler Zusammensetzung, ich fand keinen Zugang zu den Stücken. Die beiden Txalaparta-Spieler setzten die Txalaparta (Art von baskischem Xylophon) mehr als eine Art „Schlagzeug“ ein, das sonst so faszinierende Zusammenspiel der zwei Txalaparta-Spieler war nicht sehr ausgeprägt und bin nach dem 5ten Stück zu den Tanzböden gegangen.

 

Das zweite Konzert am Samstagabend mit Ross Daly & Freunde (Lyra, griechische Kurzhalsgeige) hat mir sehr gut gefallen, andere Zuhörer fanden es aber etwas langatmig, was auch stimmte, da ich zwischendurch mal eingeschlafen bin (war zu diesem Zeitpunkt schon mehr als 36h auf den Beinen, wir sind in der Nacht zuvor aus Deutschland nach Chartier gefahren, daß ich eingeschlafen binm lag also nicht daran, dass es langweilig war, ich war einfach fertig und müde).

 

Sonntag

Die Gruppe des ersten Abendkonzerts am Sonntag „Mugar“, sagte mir nichts, aber ein Blick ins Programm zeigte, dass es sich hier wohl um eines dieser „Worldmusic“- Projekte handelte, von denen regelmäßig mindestens ein Konzert in St. Chartier stattfindet.

„Keltisch-Berberische Verschmelzung“ als Beschreibung im Titel, mehr als 7 Musiker, ein Instrumentarium, welches einmal quer über den Erdball reicht, für mich ein Zeichen, dass ich es nicht unbedingt hören muß. So etwas ist immer irgendwie krampfhaft, es wird versucht grundverschiedene Musikstile zu kombinieren, hier keltische Musik mit Musik der Berber, was darauf hinausläuft, dass ein Stil sich dem anderen unterordnet, meist „siegt“ der westliche Teil, dir Rest ist dann nur „Staffage“.

Die letzten zwei Stücke von „Mugar“ habe ich doch mitbekommen (wegen Verzögerung durch "Streik", s.u.) und mein „Vorurteil“ zeigte sich bestätigt.

Zwei Geigenspieler spielten irische Reels so wie sie immer gespielt werden, nur dass die Begleitung nicht aus Gitarre oder Bodhran bestand, sondern aus arabischen Instrumenten, der Rhythmus der begleitenden, berberischen Musiker war aber mehr oder weniger wie im Irish Folk. So was finde ich uninteressant, da höre ich lieber gleich „reinen Irish Folk“.

 

Die zweite Band am Sonntagabend war „Michael McGoldrick & Band“ (Flöte, Uilleann Pipes, Geige, Gitarre, Bodhran). Wenn neben McGoldrick (flute, pipes) auch John McSherry (pipes) in der Band ist, weiß man, was einen erwartet: Solider Irish Folk in einem affigen Tempo.

Und das war es auch: Grundsolide und SEHR schnell.

Interessant war, als McGoldrick und McSherry zu zweit Pipes gespielt haben (wo hat man schon zwei Pipes in einer Band ?), aber das Highlight des Konzertes war das Solostück vom Bodhran-Spieler John Kelly über mehrere Minuten. Ist schon fantastisch, was man aus einer simplen Rahmentrommel herausholen kann. Trotz langen Beifalls gab es aber nur eine Zugabe, was sehr schlecht im Publikum ankam.

 

Eine Neuerung dieses Jahr war, dass nach dem zweiten Abendkonzert noch eine Gruppe zum Bal aufspielte. Im Gegensatz zu den Tanzböden am Markt war dieser Bal aber nur für zahlende Festivalbesucher zugänglich.

„Trio DCA“ mit Ann-Lise Foy (Drehleier), Dominique Paris (Cabrette) und Herve Capel (Akkordeon). Die Musiker sind ja sehr bekannt, und es wurden hauptsächlich 3er-Bourres, also Auvergner-Bourres gespielt, teilweise hat Ann-Lise dazu auch gesungen. Grundsolider Bal-Folk sehr gut gespielt. Viele der Stücke waren bekannt und man bekam selber Lust, den Dudelsack in die Hand zu nehmen.

 

Montag

Den Höhepunkt aller Konzerte stellte aber wohl das letzte Konzert am Montag da, „Blowzabella“.

1978 gegründet, hat sich 1990 Blowzabella aufgelöst, und ich dachte ich würde eine meiner Lieblingsbands, die ich nur von CD-Aufnahmen kannte, niemals live hören können. Zum 25 jährigen Gründungsjubiläum jedoch hat sich Blowzabella für drei Konzerte, je eines in England/Deutschland/Frankreich, noch einmal zusammengefunden.

 

Was soll ich sagen, es war einfach nur gut. Es gab zwar keine neuen Stücke, bis auf einen AnDro, solo gespielt von D.Sheperd auf der Geige. Ein, zwei Stücke, die eigentlich für andere Projekte der Mitglieder von Blowzabella geschrieben wurden, waren in das Programm aufgenommen worden, so der Scottish „The Duellist“, den N.Eaton (Drehleier) ursprünglich für die Gruppe „The Duellist“ geschrieben hatte.

Das Konzert war als „concert-bal“ gedacht, und es wurde auch reichlich vor der Bühne auf dem Rasen getanzt, mit Jo Freya als Tanzmeisterin. Unverständlich nur, dass kein Tanzboden verlegt wurde, nach kurzer Zeit waren Tänzer und Bühne komplett eingestaubt.

 

Was bei allen Konzerten extrem negativ auffiel, und was jedes Jahr für Ärger sorgt, ist die extrem schlechte Aussteuerung und Akustik bei den Konzerten, aber dafür ist St. Chartier bekannt. Nur durch intensives Eingreifen der Musiker war in der Regel nach dem 3.-4. Lied alles halbwegs eingestellt, man fragt sich warum überhaupt ein Soundcheck vor dem Konzert durchgeführt wird.

Besonders ärgerlich war dieses beim Konzert von Blowzabella, das Akkordeon (A.Cutting) war so laut ausgesteuert das von den Borderpipes (Swayne, James) oder dem Sax-Satz (Freya, Swayne, James) kaum etwas zu hören war. Und obwohl die Musiker deutliche Zeichen gaben das Akkordeon herunterzuregeln drehte der I**** von Tontechniker das Akkordeon erst mal richtig auf.

 

Auch ist die Anlage bzw. die Akustik an der großen Bühne sehr schlecht, irgendwie verschwimmt alles zu einem akustischen Brei und man braucht schon einige Zeit, um sich in diesen Brei hereinzuhören, um Feinheiten heraushören zu können.

Mir ist dieses besonders beim Konzert von Blowzabella aufgefallen, die ich am Wochenende zuvor schon auf dem TFF in Rudolstadt/Deutschland gehört hatte. Da ich den direkten Vergleich der Blowzabella-Konzerte in Rudolstadt und Saint-Chartier hatte, kann ich nur sagen, dass mir alle, die nur das Saint-Chartier Konzert gehört haben, leid tun, in Rudolstadt hatte man „mehr“ davon, weil es einfach besser klang.

 

Was auch Schade war, dass dieses Jahr einige Konzerte an Orten in der näheren Umgebung ausgelagert wurden, und diese Konzerte nur mit einer Reservierung besucht werden konnten. Bleibt zu hoffen, dass dieser Trend, die Konzerte auszulagern, sich in den kommenden Jahren nicht verstärkt.

 

Wettbewerbe

Bisher wurden die Wettbewerbe auf dem oberen Teil des Festivalgeländes in einem Zelt abgehalten, dieses Jahr war dieses Zelt aber etwas abseits des Geländes aufgebaut (hinter dem Friedhof) und man musste schon gezielt zu den Wettbewerben gehen, um sie sich anzuhören (früher ist man unweigerlich beim Schlendern über den Festivalplatz auf die Wettbewerbe gestossen).

Was soll ich sagen, ich war zu faul, die 200m zum Zelt zu laufen (es war brüllend heiß, da bleibt man lieber im Schatten) und habe von den Wettbewerben nichts mitbekommen.

Da man auch versäumt hatte die Ergebnisse der Wettbewerbe am Infostand auszuhängen, kann ich leider nicht sagen, wer gewonnen hat, ich weiß nur, dass in der Kategorie Drehleier/Solo Simon Wascher/Östereich gewonnen hat und in der Kategorie Drehleier/Duo das Duo S.Wascher und Merit Zloch (Harfe) den zweiten Platz gemacht haben. Glückwunsch an dieser Stelle.

Simon und Merit hatte ich auch am Abend auf den Marktplatz gehört, war sehr schön.

 

Streik und Protest

Wie in Deutschland versucht der französische Staat soziale Ausgaben zu kürzen wo es nur geht. In Frankreich gibt es eine Sozialversicherung für Künstler, die auch verwandte Berufsgruppen wie Tontechniker, Bühnenarbeiter etc. einschließt. Diese Versicherung soll nun abhängig von der Anzahl der jährlichen Auftritte gemacht werden, wobei diese Anforderungen anscheinend unrealistisch sind.

Man befürchtet, dass ein großer Teil der freien Künstler und Techniker in der Zukunft hierdurch nicht mehr im kulturellen Bereich arbeiten können, da ihnen so eine Versicherung fehlt und sie gezwungen sind, in andere, "feste" Berufe mit sozialer Absicherung zu wechseln.

Da in Frankreich anscheinend Festivals wie Saint-Chartier nicht sehr stark aus öffentlichen Töpfen bezuschusst werden, befürchtet man insbesondere, dass diese Festivals in Zukunft finanziell so nicht mehr durchführbar sind, da Techniker unbezahlbar werden, und dass diese erste Kürzung nur den Beginn von weiteren Kürzungen im kulturellen Umfeld darstellt.

Um gegen das Vorhaben der franz. Regierung zu protestieren wurden Unterschriftenlisten ausgelegt und das Publikum zur Solidarität mit den Künstlern aufgerufen, ausgedrückt durch einen Trauerflor am Handgelenk und der gestreckten Faust der Solidarität vor den Konzerten.

Vor den Konzerten wurde auch „gestreikt“, was bedeutete, dass die Konzerte teilweise mit einer Verspätung von 1 Stunde anfingen, einige der ausgelagerten Konzerte (s.o.) sollen sogar ganz ausgefallen sein, und am Montag, dem Nationalfeiertag, gab es einen Protestzug durch die Hauptstrasse von Saint-Chartier. Auch „streikten“ die Instrumentenaussteller am Montag von 12.00Uhr bis 13.00Uhr aus Solidarität.

Ich stehe voll hinter dem Protest der französischen Künstler, wie wohl das gesamte Publikum in Chartier, nur frage ich mich, was diese Proteste bewirken sollten.

Die „Streiks“ vor den Konzerten waren nur lästig, uns (das Publikum) brauchte man nicht zeigen, wie das ist, wenn keine Konzerte stattfinden. Auch hatte der Protestmarsch durch Saint-Chartier nur symbolischen Charakter, da ein Protestmarsch nur dort Sinn macht, wo er auch gesehen wird, und in Saint-Chartier mit seinen 300 Einwohnern bringt so was wohl recht wenig. Es war aber gut das auf dieses Problem aufmerksam gemacht wurde, wer weiß was uns in Deutschland noch bevorsteht.

 

Instrumentenmarkt

Jeder der Instrumente wie Dudelsack oder Drehleier spielt, kennt das Problem, dass es teilweise recht schwierig ist, an diese Instrumente heranzukommen. Insbesondere die Möglichkeit, Instrumente zum Test anzuspielen ist selten vorhanden. Wenn man nun aber einem Markt besuchen kann, auf dem ca. 1/3 der relevanten Instrumentenhersteller vertreten sind, ist das schon wie eine kleine Offenbarung.

Und in Chartier ist dieser Markt.

Ungefähr 130 Hersteller stellen in kleinen Bretterbuden unter schattigen Eichen auf dem Festivalgelände ihre Instrumente wie Dudelsack, Drehleier und "artverwandte Instrumente" (Akkordeon, Flöten, Geigen, Schalmeien etc.) aus.

Wenn man da ist, will man nur noch „HABEN HABEN HABEN", eine ernste Gefahr für den Geldbeutel. Bisher bin ich immer mit einem Instrumnet aus St. Chartier zurückgekommen und dieses Jahr hatte ich mir fest vorgenommen, kein neues Instrument zu kaufen, aber das war nur ein Wunschtraum. Am ersten Tag habe ich gleich mit einer Cabrette geliebäugelt, um mich dann am zweiten Tag für einen neuen Uilleann Pipes Chanter zu interessieren, letztendlich bin dann mit einer neuen Irish Flute nach Hause gefahren.

 

Dieser Markt ist eine gute Möglichkeit, Instrumente verschiedener Hersteller zu testen und so aus erster Hand deren Qualität einschätzen zu können. Bestimmte „Vorurteile“ konnten bestärkt werden, andere musste man revidieren. So sind die UilleannPipes eines spanischen Herstellers, der mit Hevia „zusammenarbeitet“ und damit wirbt, dass Paddy Malloy einen Chanter von ihnen spielt, wieder Erwarten gut, ich hatte mir schlimmeres vorgestellt.

Andere „Vorurteile“ konnten aber bestätigt werden, so baut ein Hersteller, der dafür bekannt ist die besten Bourbonnais-Dudelsäcke (20, 23pouce) zu bauen, wirklich keine guten Cornemusen (16p), wie man es zuvor von anderen schon gehört hatte. Die tiefen Säcke sind aber erste Sahne !

 

An „Neuerungen“ konnte ich nichts entdecken, was soll es auch schon Neues bei den Instrumenten geben. Ich glaube solche Erlebnisse wie 2000, als Andreas Rogge/Tübingen seine tief-G-Bourbonaise vorstellte, sind selten.

 

Interessant waren aber die Dudelsäcke einer Keramikkünstlerin aus Ton, die sogar ganz anständig spielten. Ein Drachenkopf mit aus dem Maul kommenden Chantern (zylindrisch mit Single-Reed) sowie zwei Arme am Sack, alles sehr gut und fantasievoll gearbeitet. Wenn nur das Material nicht so zerbrechlich wäre......

 

Tanzböden, Session, Campingplatz und der Rest

Sonst war es möglich, mit dem Dudelsack unter dem Arm über den Campingplatz zu wandern und dort Halt zu machen, wo Musik gemacht wird und spontan ein paar Tunes mitzuspielen, aber dieses Jahr war es sehr ruhig. Das mag zum einen am heissen Wetter gelegen haben, ich zumindest war am späten Nachmittag immer sehr geschlaucht und zu kaputt, um was zu machen.

Auch hatte ich das Gefühl, dass zumindest auf unserem Campingplatz („La Bachelot“, der Grosse, der als extrem unruhig gilt) viele Leute waren, die keine Musik machen. Es waren viele Jugendliche da, die man in Deutschland wohl als „Hippie“ bezeichnen würde, treffender aber in England „Traveller“ nennt, also Leute die im Sommer einfach herumziehen und Spass haben, ohne groß Geld auszugeben (beneidenswert). Viele dieser Gruppen „scharten“ sich um einen Musiker der Dudelsack, Geige oder Flöte spielte, die andern spielten Trommel (Djembe und Co.), also ein Melodieinstrument und 3-5 Trommeln. Und Digde´ natürlich.

 

Die Campingplätze sind kostenlos, und sehr viele Leute kommen nach Chartier, ohne das Festival an sich zu besuchen, die kostenlosen Tanzböden und der Campingplatz sind Anreiz genug, um nach Chartier zu fahren. Dieses Jahr gab es aber eine Neuerung, ein Campingplatz war nur für zahlende Festivalbesucher reserviert, es fand so eine Abgrenzung zwischen „bezahlenden Besuchern“ und den „nichtbezahlenden Besuchern“ statt.

Erste Anzeichen, dass irgendwann die Campingplätze was kosten werden? Oder möchte man die „Traveller“ abschrecken ?

Ich kann mir gut vorstellen, dass auf dem reservierten Campingplatz es eher zu Session gekommen ist, einfach weil vermutlich hier mehr Musiker gezeltet haben.

 

Und dieses Jahr wurden die Toiletten auf den Campingplätzen rechtzeitig und regelmäßig gelehrt, was in anderen Jahren nicht immer der Fall war (mag vielleicht nebensächlich erscheinen, aber in den Jahren zuvor gab es teilweise katastrophale hygienische Zustände auf den Klos).

 

Aber auch in Chartier auf der Hauptstrasse bzw. dem Marktplatz war es erstaunlich ruhig. Es fehlten z.B. die spanischen Gaita-Gruppen (zwei Gaitas, ein Trommler), welche in den Jahren zuvor an jeder Ecke standen (und irgendwann mächtig nervten). Auch Bretonen waren bis auf ein Binou/Bombard Duo nicht zu sehen, was insbesondere am Abend auf den Tanzböden auffiel.

 

Dafür hat eine „Pest“ Einzug gehalten : Djembe Trommeln.

Nichts gegen afrikanische Trommeln, ist schon eine tolle Sache, aber wenn sie in Rudeln auftreten und so andere Musik übertönen, eben die Musik, derenwegen man eigentlich nach Chartier gefahren ist, so ist es nicht schön, wenn da eine sehr große Trommelgruppe sich hinter der Kirche verschanzt und den gesamten Marktplatz überdröhnt.

 

Auf den Tanzböden spielten wie immer akustisch verschiedene Gruppen, und wie immer ist es schon toll zu merken, dass es auch ohne Verstärker geht, um zum Tanz aufzuspielen. Tanzen ging halt wie immer, mal war der Boden überfüllt, wenn es "was Einfaches war" (Circle oder Bretonisch), wenn es etwas "spezieller" wurde, lichtete sich der Boden (Berry-Bourrées, Mazurka), und wenn es "ganz speziell wurde" (Auvergner-Bourrées, 5er Walzer) waren es nur wenige Paare.

Und wie immer wird immer nur dasselbe getanzt: Circle, Allemanstanz/Chapolaise, Bourre à 2 temps/3 temps, Walzer, Scotische......

In Deutschland sind da die Tänze etwas vielfältiger.

Komischischerweise habe ich sehr häufig den "Bärentanz" gehört, ein Stück das zu mindest in "meinen Kreisen" als uralt gilt und kaum noch gespielt wird, anscheinend ist dieses Stück nun nach Frankreich gelangt. Einen "Gassenhauer", wie er manchmal in Chartier entsteht und von allen auf einmal gespielt wird (zB. 1997 "Mazurka Chabennat "oder 1999-2000 "Saint-Chartier Walzer") gab es dieses Jahr nicht. Was fehlte waren aber die „Soloeinlagen“ mancher Musiker am Rande der Tanzböden, die mir zuvor so manches „Aha“-Erlebnis brachten, vielleicht war ich aber auch zur falschen Zeit an falscher Stelle.

 

Dennoch gab es ein paar Highlights, wie zum Beispiel eine Gruppe Spanier, welche auf Grailas 4-stimmige Renaissance Sätze frei aus dem Kopf spielten (bis her dachte ich Grailas, Art Schalmei, wären nur eins : LAUT), oder eine Blechblaskombo, welche wirklich gute Klezmer-Musik in sehr freier Form spielten und tierisch Spass beim spielen hatten.

 

Altbewährtes gab es auch, so war die Kneipe auf der rechten Straßenseite (vom Schloss aus) wie immer fest in irischer Hand, auch wenn die Session sich in den Biergarten im Hof verlagert hatte. Lustig war eine reine Flute-Session in der Nacht, 7-8 Irish flutes und ein paar Gitarren, nicht schlecht.

 

Fliegende Händler (Ringe, Tücher, Bongs etc.) nehmen immer mehr Einzug, aber es hält sich in Grenzen und nervt noch nicht wie zB. in Rudolstadt. Leute, die einfach auf der Strasse nur Musik machen, weil sie Spaß daran haben, sind seltener geworden, fast jeder Straßenmusiker hat nun einen Koffer für Kleingeld neben sich stehen und eine CD zum Verkauf (18 Euro pro CD !).

Die Leute, welche nur zum Spass spielten, fand man eher auf dem Festivalgelände, wie zB. Jean Bona (Cabrette), der mit einem Holländer zusammen spielte.

Und natürlich gab es am letzten Tag den Umzug der Drehleieher/Bourbonnaisespieler, die so die Aussteller verabschieden, kleine, feine Tradition.

 

Es ging vor Chartier das Gerücht um, dass nun sehr viel geklaut würde, auch habe ich einen Spanier getroffen, dem man letztes Jahr das Auto aufgebrochen hat und dem ein paar Gaitas und Uilleann Pipes geklaut wurden, uns wurde aber nichts gestohlen, wie mir noch nie was gestolen wurde, obwohl ich manchmal die Instrumente im Zelt lasse (mein Zelt ist übrigens NICHT das türkis-grüne 3 Mann Igluzelt von VauDe mit den lila Säumen neben den Audi 100 mit Detmolder Kennzeichen).

Vielmehr zeigte es sich wie fantastsich doch teilweise die Leute in Chartier sind. So hatte ich den Autoschlüssel verloren, und glücklicherweise wurde er abgegeben, dass aber auch die Low Whistle von Marcus, einem Freund, die er auf dem Festivalgelände vergessen hatte, abgegeben wurde, ist schon toll. So was wie eine Low Whistle kann doch eigentlich jeder selber gut gebrauchen.

Nächstes Jahr verlier ich mal zur "Probe" meinen Remy Dubios Sack ;-), mal sehen ob er abgegeben wird.

 

Fazit

Toll mal wieder in Saint-Chartier gewesen zu sein, aber wenn man nicht da war, hat man auch nichts verpasst.

Es wäre natürlich noch vielmehr zu berichten, es gab noch so manches "musikalische Schmankerl", wenn auch in den Jahren davor mehr davon, oder dass mein Freund Thorsten, der zum ersten Mal in Saint-Chartier war, standhaft geblieben ist und sich kein Instrument gekauft hat, wo ich doch gewettet hätte, dass gerade er sich "hoffnungsloss verschulden" würde, weil er was findet, das er "unbedingt braucht" (für Thorsten : ich sage nur Lissberg und Esse-Harpa ;-) ).

 

Die Eintrittspreise haben übrigens mächtig angezogen, mit 80Euro für 4 Tage ist man dabei (im Vorverkauf 12Euro billiger).

 

Markus Gäbel

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Nachtrag

von Merit Zloch

Endlich schreibt mal jemand anderes einen umfassenden Artikel über ein Fest! Nur noch ein paar Ergänzungen vor allem zum Concours, da dieses Jahr die Zahl der gewinnenden Sackpfeifer sehr groß war, und ein wenig Werbung:

  • Im Duo-Wettbewerb gewannen die beiden (!) ersten Preise eine galizisches Gaita (was auch sonst!)-Duo (Marcos Garcia und Daniel Lopez) und ein Cabrette-Duo (G. Polteau und Nicolas Rouzier). Beide Duos haben mich nicht sehr beeindruckt, sie spielten solide, präzise und konventionell. Das Drehleier-Duo auf dem dritten Platz hätte eher einen ersten Platz verdient. Aber ich sitze ja Gott sei Dank nicht in der Jury.
  • Es gab ein "encouragement" für ein Duo aus Bechonnet in D und diatonischem Akkordeon, die mir ebenfalls sehr gefielen und wo ich sogar die Namen nennen kann: Julien Cardonnet und Leo Garnier, beide aus der Region
  • Im Solo-Sackpfeifen-Wettbewerb gab es ebenfalls zwei erste Plätze, ein Cabrettespieler, der sowohl durch ein ungewöhlich ausdrucksstarkes Spiel als auch durch gelassene Bühnenpräsenz beeindruckte, und ein Insulaner (Ire, Schotte, ich weiß es peinlicherweise nicht mehr) der (auch das weiß ich nicht mehr genau) glaube ich , Borderpipe spielte. Leider nur auf dem zweiten Platz landete mein Favorite Michael York, und jetzt kommt die Werbung: Wer ihn bei der genialen anglo-französischen Band Red Dog Green Dog Sackpfeife spielen hören möchte, der sei auf folgende Seite verwiesen:
    http://www.glastonburymusic.org.uk/dogs/roughlyspeaking.htm
    Er ist für mich momentan DER Meister auf Sackpfeifen französischer Griffweise, und zwar sowohl in technischem Können als auch im Ausdruck. Er spricht regelrecht durch das Instrument und gibt ihm durch diese Lebendigkeit einen neuen Platz in kontemporärer Musik. Michael ist Lehrling in der Werkstatt von John Swayne. Leider ist er, wie ich gut nachvollziehen kann, als Solist ein Nervenbündel und kam daher wie gesagt nur auf den zweiten Platz. Den dritten Platz habe ich leider vergessen.
  • Bei den Drehleiersolisten gab es keine plazierte Sackpfeife :).
  • In der Jury saß als Vertreter des Dudelsackes Paul James. Ob noch mehr Sackpfeifer vertreten waren, weiß ich nicht, alle, die ich aus der Jury kannte, spielten Drehleier.
  • Die Ergebnisse hingen am Infostand aus, jedoch relativ unzugänglich. Auf der Website von St. Chartier sind sie noch nicht veröffentlicht.
  • Hart beim Espace Plus, wo der Concours stattfand, war das ständige Mitsummen zweier riesiger Generatoren. Warum man ausgerechnet dieses Zelt auf dem weitläufigen Gelände neben diese im Sekundabstand mitbrummenden Bordune stellen mußte, ist mir nicht ganz klar. Als dann mitten im Wettbewerb auch noch die Klos ausgepumpt wurden (Quartbordun, sehr laut), weigerte sich ein Duo zu spielen, solange die Lärmbelästigung anhielt. Es wurde stattgegeben.

Zu den Sessions:

  • Im Vorfeld ab Montag nacht waren auf dem Zeltplatz, wo ich campte (hinterm Brunnenhaus) ständig Sessions. Während des Festivals selber hielt es sich auch da in Grenzen. Ich war nicht böse darüber, so konnte man wenigstens morgens schlafen. Theorie alter St. Chartier-Fahrer: Das gute Wetter trieb die Spielwütigen (auch uns) vom Zeltplatz an Orte in der Stadt, auf die Tanzflächen und die Tanzbühnen. Ich finde das begrüßenswert. Der dichte Zusammenhalt auf den Zeltplätzen in den letzten Jahren war wahrscheinlich teilweise dem Regen zu verdanken.
  • Im nächsten Jahr werden wir einen Stand eröffnen, an dem wir so etwas wie Anti-Mücken-Spray gegen Djemben verkaufen. Das Ganze wird Anti-Djembe heißen, ein Spray sein und aus Glyzerin bestehen, daß, wie ein befreundeter Rahmentrommelbauer versicherte, auf die Felle aufgetragen ganz schnell Ruhe schafft. Ist das jetzt politisch unkorrekt?

Liebe Grüße, Merit